Mittwoch, April 13, 2005

EPD: "Ein Modell für die Hölle"

Überlebende des KZ Bergen-Belsen sprechen mit Jugendlichen - (mit Bild)

Bergen-Belsen (epd). Ivan Lefkovits erinnert sich noch an den Gestank der Löschwasserbecken von Bergen-Belsen: "Es roch nach Chlorkalk und Fäkalien, süßlich und ganz schlimm." 60 Jahre nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager geht der 68-Jährige mit Jugendlichen in Bergen-Belsen über das Gelände. Er berichtet, wie er Durst litt. Tagelang gab es kein Wasser, nur die verseuchte Kloake. "Leichen schwammen schon drin, wer das getrunken hat, war verloren."

Jugendgruppen haben in den vergangenen Jahren Baureste des Lagers rund 60 Kilometer nordöstlich von Hannover freigelegt. 50 junge Frauen und Männer aus neun Nationen sind noch bis Sonntag in Bergen-Belsen, um diese Arbeit weiterzuführen. Lefkovits geht mit ihnen den Spuren seiner Erinnerung nach. Der in der damaligen Tschechoslowakei geborene Jude war im März 1945 mit seiner Mutter auf einem der sogenannten Todesmärsche von Ravensbrück nördlich von Berlin nach Bergen-Belsen deportiert worden.

Lefkovits ist heute ein bekannter Biochemiker in der Schweiz. In die Gedenkstätte Bergen-Belsen ist gekommen, um an den Feiern zum Jahrestag der Befreiung teilzunehmen. "Mit der jungen Generation zu sprechen, ist eine Investition in die Zukunft", sagt er. Die 18-jährige Isabell Lanfermann findet die Begegnung mit ihm eindringlicher als jede Geschichtsstunde: "Ich versuche, das was hier geschehen ist, ein wenig zu begreifen, damit so etwas nie wieder passiert."

Für die KZ-Überlebende Marion Bienes aus Amsterdam bleibt es unbegreiflich, was Menschen einander antun können. Langsam geht sie mit Jugendlichen, die unter anderem aus Deutschland, Israel, und Norwegen kommen, über das Gelände der Gedenkstätte. In der Heidelandschaft stehen dort Steine und Mahnmale, die Massengräber bezeichnen. "Ich denke bei jedem Grab, vielleicht liegt da mein Bruder", sagt Bienes.

Sie war 14 Monate im Frauenlager Bergen-Belsen. Beinahe starb sie dort an einer Blutvergiftung. Noch lange litt sie an Depressionen und einer Zwangsneurose. Bienes verlor in Bergen-Belsen ihren Vater, ihren Bruder und Freunde wie Anne und Margot Frank, die sie aus der Schule kannte. Auch für sie ist die fast 80-Jährige heute erneut an den Ort gekommen, der nach ihren Erfahrungen "ein Modell der Hölle" war. "Wir werden immer weniger Zeugen", sagt sie nachdenklich.

An die Befreiung und die Grauen des Lagers Bergen-Belsen, in dem mehr als 70.000 KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene umkamen, wird am Sonntag mit einer offiziellen Veranstaltung erinnert. Bereits am Freitag, dem 15. April, wenn sich der Tag der Befreiung durch britische Truppen jährt, laden die Arbeitsgemeinschaft Bergen-Belsen und die Jugendverbände, die das Workcamp organisieren, zum Gedenken ein.

Rund 250 Überlebende des Lagers werden dann erwartet. Zu einem "Dialog der Generationen" kommen Schulklassen in die Gedenkstätte, um ihre Geschichte zu hören und mit ihnen zu sprechen. Für Marion Bienes ist das wichtig: "Es bedeutet, dass die Menschen, die hier so gelitten haben und gestorben sind, nicht vergessen werden." (epd Niedersachsen-Bremen/b1109/13.04.05 von Karen Miether)

Hierzu hat epd-bild die Fotos "Bergen-Belsen 1-3" über mecom-Bildfunk (www.datenbank.mecom.de) verbreitet; auch abrufbar unter Tel.: 069/58098-197