Freitag, April 15, 2005

zdf-heute online berichtet

"Unglaublich, dass man so etwas überleben kann"
Konzentrationslager Bergen-Belsen vor 60 Jahren befreit
Marion Blumenthal (70) trägt ihr Kainsmal von damals in einer kleinen durchsichtigen Plastiktüte bei sich: Ein gelbes Stück Stoff, sechszackig, «Jude» steht in schwarzen Lettern darauf. 60 Jahre nach ihrer Befreiung aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen ist die alte Dame aus den USA am Freitag an den Ort zurückgekehrt, an dem sie die schrecklichsten anderthalb Jahre ihres Lebens verbrachte.

10 Jahre war sie alt, als das KZ in der niedersächsischen Südheide 1945 von britischen Soldaten befreit wurde - und wog so viel wie eine Dreijährige, ganze 16 Kilo. "Es ist unglaublich, dass man so etwas überleben kann", meint Blumenthal.

Zusammen mit mehreren hundert anderen Überlebenden ist die vitale Frau mit ihrem Mann Nathaniel und ihrer Enkeltochter Arielle (17) nach Deutschland gekommen, um die Orte von damals zu besuchen - und um die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten. Am 60. Jahrestag der Befreiung des Lagers trafen in Bergen-Belsen Jugendliche aus neun Nationen mit früheren Insassen zusammen, die heute in Israel, Kanada, Frankreich, Polen oder der ehemaligen Sowjetunion leben.

"Benutzt Euren Kopf"
Die alten Menschen hatten für die jungen vor allem eine Botschaft im Gepäck: "Lauft niemandem blind hinterher, ohne zu wissen, was die Konsequenzen sind. Benutzt Euren Kopf, befragt Euer Herz, bevor Ihr euch ein Vorbild sucht." Und eine Bitte richtete die frühere medizinisch-technische Assistentin Marion Blumenthal auch an die Mädchen und Jungen: "Ihr seid die letzte Generation, die unsere Berichte aus erster Hand erfahren kann. Wenn wir nicht mehr da sind: Erzählt unsere Geschichten weiter, erzählt sie euren Kindern und Enkelkindern."

Unter den Zuhörern in Bergen-Belsen ist am Freitag auch Marlene Meier aus Hannover. Die 18-Jährige ist von Marion Blumenthals Bericht erschüttert, obwohl sie die deutsche Nazi-Vergangenheit im Geschichtsunterricht in der Schule mehr als einmal durchgenommen hat. Einige Mädchen wischen sich bei den Schilderungen der 70-Jährigen verstohlen über die Augen. "Man stellt sich immer vor, dass man einem Menschen eine schwere Kindheit ansehen muss", meint Marlene Meier. Doch Marion Blumenthal, geboren in Hoya bei Bremen, steht der Horror des Holocaust nicht ins Gesicht geschrieben, obwohl er ihr Leben geprägt hat.

Rosen und Nelken
Draußen vor der Tür scheint an diesem April-Tag die Sonne - so wie vor 60 Jahren. "Das Wetter war sehr ähnlich damals. Schön, klar, das Gras war grün, die Vögel sangen", erinnert sich die KZ-Überlebende. Auf dem weitläufigen Gelände der Gedenkstätte legen alte Männer und Frauen Rosen und Nelken nieder. Viele können nur noch schlecht laufen, andere werden im Rollstuhl von ihren Angehörigen geschoben.

Aufgeregt sind sie, wirken berührt. Immer wieder verharren kleine Gruppen in stillem Gedenken vor einem der Mahnmale. "Ich bin das erste Mal seit 1945 wieder hier", erzählt Jake Handeli (78), der lange Zeit in Auschwitz interniert war, bevor er nach einem tagelangen Todesmarsch kurz vor Kriegsende in Bergen-Belsen ankam. "Und wissen Sie was: Mein Besuch hier wird auch mein letzter gewesen sein."

von Sigrun Stock, dpa