Montag, April 17, 2006

Ein Ort, an dem man keinen Bach hören kann Eppler: Eintreten für Warnung und Versöhnung

Zum 61. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen hat am Karfreitag die Arbeitsgemeinschaft Bergen-Belsen zu einer Gedenkfeier eingeladen. Über 200 Menschen, darunter viele Teilnehmer des 12. Internationalen Jugendworkcamps Bergen-Belsen, waren gekommen. Hauptredner war der frühere Entwicklungshilfeminister Erhard Eppler.

Aus dem geöffneten Güterwagen der Deutschen Reichsbahn erklingt Musik. Im Waggon steht der Bratscher Ulrich von Wrochem, spielt Werke vor allem jüdischer Komponisten. In diesem bewegenden musikalischen Rahmen fand am Karfreitag die Gedenkfeier zum 61. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen statt.

"Ich danke Ihnen für Ihre Musikauswahl. Dies ist ein Ort, an dem man keinen Bach mehr hören kann!" Mit diesen Worten eröffnete der frühere Entwicklungshilfeminister und SPD-Landesvorsitzende von Baden-Württemberg, Erhard Eppler, seine Ansprache. Eppler hat eine besondere Beziehung zur Verladerampe Bergen-Belsen: Hierhin geriet er als junger Soldat Anfang 1945, kurz vor Ende des Krieges, und musste den Antransport und die unmenschliche Behandlung und Ermordung von Zwangs-Deportierten mit ansehen. Die Scham über die damalige versteinerte Tatenlosigkeit angesichts der grauenhaften Auswüchse des NS-Rassenterrors hatte Eppler 1985 in der Süddeutschen Zeitung beschrieben. Dieser Text über die Erlebnisse des jungen Eppler wurde zu Beginn der Veranstaltung vom Schüler Felix Meyer aus Bergen-Belsen vorgetragen.

In seiner sehr persönlichen Ansprache verriet Eppler, dass er große Angst davor gehabt hatte, an die Rampe zurückzukommen, aus Furcht vor den Erinnerungen an die schrecklichen Ereignisse. Doch die Tatsache, dass die Veranstaltung auf den Karfreitag gefallen sei, den Tag der Kreuzigung Jesu, habe er als Zeichen begriffen. Denn so wie das Christentum Jesu Leiden als Aufgabe zur Nächstenliebe begreife, so habe er die Scham über die damalige Tatenlosigkeit als Auftrag für ein Eintreten für Warnung und Versöhnung verstanden.

Mit einer Bewegungs-Performance direkt an der Rampe zeigten die Teilnehmer des diesjährigen Internationalen Jugendworkcamps ihre Assoziationen an diesen Ort des Schreckens. Zu Klangcollagen und Texten in der jeweiligen Muttersprache wurde das Marschieren, Sammeln und Sortieren an der Rampe verbildlicht. Da die Überlebenden des Schreckens in Bergen-Belsen langsam aussterben, wird das Jugendworkcamp, das seit 1995 Jugendliche aus verschiedenen Nationen zu einem gemeinsamen einwöchigen Workshop nach Bergen-Belsen einlädt, zu einem immer wichtigeren Instrument der Erinnerung und Verarbeitung des Lagers.
Teilnehmer des Internationalen Jugendworkcamps stellen das Sammeln, Sortieren und Marschieren an der Verladerampe in Bergen-Belsen dar. Der Bratscher Ulrich von Wrochem spielte in einem ehemaligen Güterwaggon der Deutschen Reichsbahn Werke von jüdischen und osteuropäischen Komponisten.

(c) Volker Bracher, Cellesche Zeitung