Samstag, April 15, 2006

Jugendliche aus sieben Nationen forschen in Bergen-Belsen

Auf den Spuren der Geschichte - Jugendliche aus sieben Nationen forschen in Bergen-Belsen
Von Karen Miether (epd)
Bergen-Belsen/Kr. Celle (epd). Hanna Brockmann gräbt mit der Schaufel am Rande der Hauptstraße des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen. "Man kann mehr aus der Geschichte lernen, wenn man praktisch etwas macht", sagt die 17-Jährige aus Niedersachsen. Gemeinsam mit 50 anderen Jugendlichen aus sieben Nationen will sie herausfinden, ob die überwucherte Straße breiter ist, als bisher angenommen. Die jungen Menschen versuchen zu begreifen, damit sich Vergangenes nicht wiederholt.In dem Konzentrations- und Kriegsgefangenenlager wurden mehr als 70.000 Menschen ermordet oder gingen an Hunger, Durst und Seuchen zugrunde. "Spuren sind hier lange Zeit eher verdeckt als erforscht worden", sagt Gedenkstättenleiter Thomas Rahe. Doch, was die Jugendlichen seit vielen Jahren mit ihren Ausgrabungen im Kleinen machen, wird im kommenden Jahr auch im Großen umgesetzt sein. Die Gedenkstätte wird bis dahin für 12,5 Millionen Euro grundlegend neu gestaltet.Die Architekten wollen mit Sichtschneisen und Bepflanzungen die Topografie des Lagers wieder kenntlich machen. Der Bau eines neuen Ausstellungsgebäudes ist in vollem Gange. "Wir werden viel mehr Originalobjekte haben, als bisher", sagt Rahe. Vieles hätten Überlebende zur Verfügung gestellt. Doch auch die Ausgrabungen der Jugendlichen sollen ihren Platz finden.Zum 12. Mal haben christliche und gewerkschaftliche Jugendverbände in diesem Jahr das Workcamp organisiert, das noch bis Sonnabend andauert. In einem Lagerraum der Gedenkstätte zeigt Archäologin Juliane Hummel den Teilnehmern aus Ländern wie Polen, Deutschland oder Israel, was in den Vorjahren zu Tage befördert wurde: Münzen aus allen europäischen Ländern, eine kunstvoll gearbeitete Gürtelschnalle oder ein Stück rostiger Stacheldraht. 2.270 Fundstücke hat Hummel inventarisiert und in den Kartons lagern weitere. "Gemessen an den vielen Menschen, die hier waren, ist das lächerlich wenig", sagt die Archäologin.Volker Walpuski von der Camp-Organisation überlegt, wie die Jugendlichen sich künftig mit der Geschichte auseinandersetzen können. Schon jetzt bieten die Veranstalter mit Zeitzeugen-Gesprächen, Kunst-, Tanz- und Internet-Gruppen andere Methoden an. Die Camps unter Schirmherrschaft des niedersächsischen Kultusministers müssten weiter laufen, auch wenn es nichts mehr auszugraben gebe. Bei Gesprächen über Alltagsthemen falle manches Vorurteil, sagt Walpuski: "Das ist genauso wichtig wie die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit."
(epd Niedersachsen-Bremen/b0977/12.04.06)
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